Der Alkoholtester zeigt 0,5 Promille an, obwohl man keinen Tropfen Alkohol getrunken hat? Da würde man erst einmal davon ausgehen, dass das Gerät defekt ist oder unterstellen, dass die Person gelogen hat. Wenn das Gerät aber nachweislich korrekt funktioniert und tatsächlich nichts getrunken wurde, könnte ein seltenes, aber medizinisch gut dokumentiertes Phänomen dahinterstecken: das sogenannte „Eigenbrauer-Syndrom“, auch „Auto-Brewery-Syndrom“ genannt. Dabei produziert der Körper selbst Alkohol – ohne dass die betroffene Person alkoholhaltige Getränke zu sich genommen hat. Was zunächst unglaubwürdig klingt, kann im Einzelfall reale und messbare Promillewerte verursachen. Für Betroffene ist das nicht nur gesundheitlich belastend, sondern oft auch sozial und beruflich herausfordernd.
Wie kommt es zur körpereigenen Alkoholproduktion?
Im Mittelpunkt steht unser Darmmikrobiom. Milliarden von Bakterien und in geringer Menge auch Pilze leben dort normalerweise in einem stabilen Gleichgewicht. Wird diese Balance gestört – etwa durch längere oder wiederholte Antibiotikatherapien, durch bestimmte Darmerkrankungen, ein geschwächtes Immunsystem oder eine sehr kohlenhydratreiche Ernährung – können sich Hefepilze wie Candida- oder Saccharomyces-Arten übermäßig vermehren. Diese Hefen sind in der Lage, Kohlenhydrate in Ethanol umzuwandeln – ähnlich wie bei der Bier- oder Weinherstellung. Der entstehende Alkohol wird dann über die Darmschleimhaut ins Blut aufgenommen.
In dokumentierten Fallberichten wurden dabei relevante Blutalkoholkonzentrationen gemessen. In standardisierten Kohlenhydrat-Belastungstests stiegen die Werte beispielsweise auf rund 57 mg/dL (entspricht etwa 0,057 Prozent oder 0,57 Promille). In anderen beschriebenen Verläufen schwankten die Blutalkoholwerte sogar zwischen etwa 0,5 Promille und in extremen, aber dokumentierten Fällen bis zu 4 Promille. Zum Vergleich: Der gesetzliche Grenzwert im Straßenverkehr liegt in Deutschland bei 0,05 Prozent (0,5 Promille). Damit können im Rahmen des Eigenbrauer-Syndroms Werte erreicht werden, die einer deutlichen Alkoholisierung entsprechen und sowohl alkoholtypische Wirkungen hervorrufen als auch rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen können.
Typische Symptome – und warum sie ernst genommen werden sollten
Häufig berichten Betroffene über Benommenheit oder ausgeprägte Müdigkeit. Konzentrations- und Gedächtnisstörungen können auftreten, ebenso ein schwankender Gang, Koordinationsprobleme und eine verwaschene Sprache. Teilweise wird Alkoholgeruch im Atem wahrgenommen, da Ethanol über die Lunge abgeatmet wird. Auch Stimmungsschwankungen und Reizbarkeit werden beschrieben.
Gerade diese Symptome werden anfangs häufig missverstanden oder anderen Ursachen zugeschrieben. Die Betroffenen stehen auch schnell im Verdacht, den Alkoholkonsum zu leugnen. Wiederholt positive Atem- oder Blutalkoholtests können arbeitsrechtliche oder verkehrsrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen. Zudem bedeutet eine dauerhafte innere Alkoholexposition auch gesundheitlich ein Risiko, etwa für Leberveränderungen oder entzündliche Prozesse.
Diagnose, Therapie und Prävention
Da das Eigenbrauer-Syndrom selten ist, existieren bislang keine einheitlichen Leitlinien für die Therapie. Zur Diagnosesicherung kann ein standardisierter Kohlenhydrat-Belastungstest durchgeführt werden. Ergänzend sind mikrobiologische Untersuchungen sinnvoll, um eine übermäßige Hefebesiedlung nachzuweisen.
In der Praxis hat sich eine Kombination aus vorübergehend kohlenhydratarmer Ernährung und gezielter Antipilz-Therapie bewährt. Ziel ist es, den Hefepilzen die Grundlage für die Alkoholproduktion zu entziehen und das Gleichgewicht der Darmflora wiederherzustellen. Ein bewusster Umgang mit Antibiotika, eine ausgewogene Ernährung und Aufmerksamkeit gegenüber anhaltenden, ungewöhnlichen Symptomen sind wichtige präventive Bausteine.
Wann sollte ärztlicher Rat eingeholt werden?
- Eine medizinische Abklärung ist sinnvoll, wenn wiederholt Anzeichen einer Alkoholisierung auftreten, obwohl kein Alkohol konsumiert wurde.
Dazu zählen Benommenheit, Koordinationsstörungen, undeutliche Sprache oder messbar positive Atem- beziehungsweise Blutalkoholwerte ohne vorherigen Konsum.
- Auch neu auftretende kognitive Einschränkungen oder Stimmungsschwankungen nach einer Antibiotikatherapie oder nach ausgeprägt kohlenhydratreichen Mahlzeiten sollten ärztlich besprochen werden.
- Das Eigenbrauer-Syndrom ist eine seltene Erkrankung. Gerade weil sie relativ selten ist, profitieren Betroffene von einem breiten Wissen um ihre Existenz.
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Quelle: Malik F, Wickremesinghe P, Saverimuttu J. Case report and literature review of auto-brewery syndrome: probably an underdiagnosed medical condition. BMJ Open Gastro 2019;6:e000325. doi:10.1136/ bmjgast-2019-000325.