Herr Professor Osterwalder, die gesundheitspolitische Botschaft hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert: Während früher von einem risikoarmen oder sogar möglicherweise gesundheitsförderlichen moderaten Konsum gesprochen wurde, heißt es heute zunehmend, es gäbe keine gesundheitlich unbedenkliche Alkoholmenge. Können Sie die Verunsicherung der Verbraucherinnen und Verbraucher verstehen und wie erklären Sie diesen grundlegenden Wandel?
Ja, die Verunsicherung ist nachvollziehbar. In den vergangenen 15 Jahren hat sich die gesundheitspolitische Bewertung von Alkohol durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse verändert. Während ältere Studien teilweise gesundheitliche Vorteile eines moderaten Konsums zeigten, weisen neuere Untersuchungen unter Berücksichtigung methodischer Verzerrungen auf kleine negative Effekte, insbesondere ein erhöhtes Krebsrisiko, hin. Gleichzeitig beschreiben andere aktuelle Studien weiterhin einen kleinen positiven Nettoeffekt. Die widersprüchliche Datenlage ist für die Öffentlichkeit schwer einzuordnen und wird durch unterschiedliche mediale Darstellungen zusätzlich erschwert.
Die Aussagen der WHO aus dem Jahr 2023 verstärken diese Verunsicherung. Die Aussagen, dass es keinen risikofreien Alkoholkonsum gebe, das Risiko bereits mit dem ersten Tropfen beginne und mit zunehmendem Konsum steige, sind grundsätzlich von der Frage zu unterscheiden, wie groß dieses Risiko tatsächlich ist. In der öffentlichen Kommunikation entsteht dadurch der Eindruck, bereits geringe Mengen seien mit einem praktisch bedeutsamen Gesundheitsrisiko verbunden. Dies wird der komplexen und weiterhin uneinheitlichen Datenlage nicht gerecht. Neuere Studien weisen unter bestimmten Voraussetzungen wieder auf positive Effekte eines maßvollen Konsums hin. (1,2,3)
Zudem vermittelt die mediale Fokussierung auf negative Ergebnisse den Eindruck, die Wissenschaft sei sich einig über die gesundheitliche Schädlichkeit moderaten Konsums einig. Tatsächlich bestehen unterschiedliche Studienergebnisse und methodische Ansätze.
Die Aussage „Es gibt keine sichere Menge“ wird in der Öffentlichkeit häufig so verstanden, als sei bereits jedes Glas mit einer konkreten und relevanten Gesundheitsschädigung verbunden. Was bedeutet diese Aussage wissenschaftlich tatsächlich – und wo liegt der Unterschied zwischen einem theoretisch nachweisbaren Risiko und einem praktisch bedeutsamen individuellen Risiko?
Die Aussage „Es gibt keine sichere Menge“ bedeutet wissenschaftlich zunächst lediglich, dass keine bestimmte Alkoholmenge genannt werden kann, bei der ein gesundheitliches Risiko ausgeschlossen werden kann. Sie ist damit eine deutlich weniger weitreichende Aussage, als dies in der öffentlichen Kommunikation verstanden wird. Denn aus der Tatsache, dass ein Risiko nicht ausgeschlossen werden kann, folgt keineswegs, dass bereits geringe Mengen Alkohol für das Individuum mit einem bedeutsamen Gesundheitsrisiko verbunden sind. Hier zeigt sich eine wichtige Diskrepanz zwischen der wissenschaftlichen Aussage und ihrer öffentlichen Wahrnehmung.
Entscheidend ist deshalb nicht allein, ob ein Risiko besteht, sondern vor allem, wie groß dieses Risiko tatsächlich ist. Das für das einzelne Durchschnittsindividuum festgestellte Risiko bei mässigem Alkoholkonsum ist, wenn überhaupt, niedrig. So soll mässiger Konsum beispielsweise das Krebsrisiko um etwa 1,4 zusätzliche Fälle pro 100'000 Personen und Jahr erhöhen. (4)
Zentral ist auch die Unterscheidung zwischen relativem und absolutem Risiko. Die Darstellung über relative Risiken kann zu einer übertriebenen Wahrnehmung beitragen. In einer deswegen stark kritisierten Lancet-Studie findet sich beispielsweise ein relatives Risiko von 0,5 % für einen Standarddrink Alkohol pro Tag. Eine solche Darstellung erweckt den Eindruck, dass etwa 1 von 200 Personen zusätzlich eine gesundheitliche Schädigung erleidet, was falsch ist. Tatsächlich handelt es sich jedoch um 4 zusätzliche Fälle zu 914 Fällen pro 100'000 Personen, die auch ohne Alkoholkonsum diese Schädigung erlitten hätten. Das entspricht einem absoluten Risiko von 0,004 % bzw. etwa 1 von 25'000 Personen. (5)
Damit wird der wesentliche Unterschied zwischen einem statistisch nachweisbaren Risiko und einem praktisch bedeutsamen individuellen Risiko deutlich. Ein Risiko kann statistisch signifikant sein, ohne für das einzelne Individuum eine grosse praktische Bedeutung zu haben. Deshalb sollte klar zwischen den Aussagen „Es gibt keine risikofreie Menge“ und „Jede noch so kleine Menge ist gesundheitlich relevant schädlich“ unterschieden werden. Aus der ersten Aussage folgt nicht automatisch die zweite. Für eine sachliche Gesundheitskommunikation sollte daher neben der Existenz eines Risikos immer auch dessen absolute Grösse und praktische Bedeutung dargestellt werden.
Haben wir heute ein Problem im Umgang mit Lebensrisiken, wenn wir uns ein „risikoloses“ Dasein wünschen? Dann wird aus der Tatsache, dass es keine wissenschaftlich gesicherten Grenzwerte gibt, schnell im Umkehrschluss, dass jeder Konsum riskant sei. Dabei heißt es doch eigentlich nur, dass für den individuellen Fall auch bei maßvollem Alkoholkonsum ein kleines Restrisiko nicht auszuschließen ist?
Ich meine, dass in unserer westlichen Gesellschaft ein ausgesprochenes individuelles Sicherheitsbedürfnis besteht. Tatsache ist jedoch, dass praktisch alle unsere Tätigkeiten mit Risiken verbunden sind und das Leben ein Risiko ist. Wir müssen daher ständig entscheiden, ob wir beim Essen, Trinken, bei der Wahl des Transportmittels, in der Freizeit usw. entsprechende Risiken eingehen. Bei den meisten dieser Aktivitäten machen wir uns darüber kaum Gedanken bzw. nehmen das damit verbundene Risiko nicht bewusst wahr und haben daher kein Problem mit Lebensrisiken.
So bestehen beispielsweise beim Fliegen ein Risiko für eine tiefe Venenthrombose und bei Flugbegleiterinnen Hinweise für ein erhöhtes Risko von Brustkrebs. Bei Freizeitaktivitäten liegt die Wahrscheinlichkeit, dass eine erwerbstätige Person in der Schweiz pro Jahr einen Unfall erleidet, sogar zwischen 11 und 13 %. Davon entfallen 3 bis 4,5 % auf schwere Unfälle, ein deutlich höheres Risiko als jenes, das mit moderatem Alkoholkonsum verbunden ist. Dennoch hinterfragen wir die Risiken alltäglicher Aktivitäten kaum, nicht zuletzt, weil sie medial selten thematisiert werden. Beim Alkohol hingegen werden selbst vergleichsweise geringe Risiken häufig hervorgehoben. Dies führt zu einer verzerrten Wahrnehmung von Gesundheitsgefahren.
Es wird davon ausgegangen, dass die Wahrnehmung eines Gesundheitsrisikos insbesondere von dessen Eintrittswahrscheinlichkeit, dem möglichen Schweregrad der Erkrankung sowie der medialen Präsenz des Risikos beeinflusst wird. Vereinfacht ausgedrückt werden Risiken mit einer Wahrscheinlichkeit zwischen 1:100 und 1:1.000 als gering und solche mit einer Wahrscheinlichkeit von über 1:1.000 als sehr gering wahrgenommen. Zudem nimmt die Risikowahrnehmung tendenziell ab, je weniger schwerwiegend die möglichen gesundheitlichen Folgen sind. Solche Risiken werden auch als Restrisiken bezeichnet und sind im Alltag häufig akzeptiert. Die mit moderatem Alkoholkonsum verbundenen Risiken liegen in vielen Fällen in diesem Bereich, oder noch deutlich darunter und können somit als Teil des Restrisikos betrachtet werden, das wir auch bei zahlreichen anderen alltäglichen Aktivitäten akzeptieren.
Damit wird deutlich, dass ein vollständig risikofreier Umgang mit Alkohol unrealistisch ist und die mit einem mässigen Alkoholkonsum verbundenen Risiken – deren Ausmass zudem unterschiedlich bewertet wird – wie bei zahlreichen anderen alltäglichen Aktivitäten als ein verbleibendes Restrisiko betrachtet werden können.
Ein großer Teil unseres Wissens über Alkohol und Gesundheit beruht auf Beobachtungsstudien. Sie weisen unter anderem auf ungenaue Selbstauskünfte, unterschiedliche Lebensstile sowie die problematische Zusammensetzung der Gruppe der Nichttrinkenden hin. Wie zuverlässig lassen sich aus solchen Studien überhaupt Aussagen über Ursache und Wirkung ableiten?
Eine Beobachtungsstudie analysiert Zusammenhänge, ohne dass Forschende aktiv eingreifen. Beim Alkohol wird beispielsweise untersucht, ob Menschen, die mäßig Alkohol trinken, häufiger oder seltener krank werden als Abstinente. Die Forschenden teilen die Teilnehmenden nicht selbst in diese Gruppen ein, sondern beobachten deren bereits bestehendes Trinkverhalten. Die Ergebnisse können daher durch Bias und Confounding verfälscht werden.
Bias bezeichnet eine systematische Verzerrung einer Studie, die entsteht, wenn bestimmte Teilnehmende oder Gruppen aufgrund ihrer Auswahl, Zusammensetzung oder Bewertung bewusst oder unbewusst systematisch bevorzugt oder benachteiligt werden. Ein Beispiel dafür ist der Recall-Bias. Personen geben ihren früheren Alkoholkonsum ungenau an oder unterschätzen ihn. Dadurch können sie falsch eingeordnet werden und das Gesundheitsrisiko von mäßigem Alkoholkonsum wird überschätzt.
Confounding (Störfaktor) bedeutet, dass ein Drittfaktor sowohl mit dem Alkoholkonsum als auch mit der Gesundheit zusammenhängt. Beispielsweise können mäßige Trinker gleichzeitig einen gesünderen Lebensstil oder ein höheres Einkommen haben. Dadurch lässt sich nicht eindeutig feststellen, ob der Alkoholkonsum die Gesundheit beeinflusst.
Beobachtungsstudien können daher nur Korrelationen, aber keine Kausalität beweisen. Randomisiert-kontrollierte Studien (RKS) gelten als Goldstandard in der medizinischen Forschung, da die zufällige Gruppeneinteilung viele Störfaktoren reduziert. Sie werden zur Validierung von Ergebnissen aus Beobachtungstudien benötigt.
Für die Frage, ob mäßiger Alkoholkonsum tatsächlich gesundheitsfördernd oder gesundheitsschädlich ist, fehlen bislang langfristige RKS. Aktuell läuft mit der UNATI-Studie (University of Navarra Alumni Trialist Initiative) die erste große RKS, die untersucht, ob moderater Alkoholkonsum im Vergleich zu vollständiger Abstinenz das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Gesamtmortalität beeinflusst. Dafür werden 10'000 Personen mit bisherigem moderatem Alkoholkonsum randomisiert zu moderatem Konsum (Beratung) oder zu Abstinenz zugeteilt. Erste Ergebnisse werden frühestens Ende 2028 erwartet und sollen im Vergleich zu Beobachtungsstudien verlässlichere Aussagen über die gesundheitlichen Auswirkungen moderaten Alkoholkonsums ermöglichen.
Beim moderaten Konsum stehen mögliche zusätzliche Krebsrisiken möglichen günstigen Zusammenhängen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und der Gesamtsterblichkeit gegenüber. Kann man aus heutiger Sicht seriös von einem gesundheitlichen Gesamtrisiko sprechen – oder muss die Bewertung stärker nach Alter, Geschlecht, Vorerkrankungen und persönlichem Risikoprofil differenziert werden?
Der Zusammenhang zwischen mäßigem Alkoholkonsum und dem Krebsrisiko zeigt bislang widersprüchliche Ergebnisse. Eine große globale Studie beschreibt einen Zusammenhang mit 7 von über 200 Krebsarten, darunter auch Brustkrebs. Die absolute Größenordnung dieses Zusammenhangs ist niedrig und liegt bei etwa 1,4 zusätzlichen Fällen pro 100'000 Personen und Jahr. Eine hochwertige neuere Studie fand hingegen keine Korrelationen zwischen moderatem Alkoholkonsum und den genannten 7 Krebsarten insgesamt sowie auch nicht mit Brustkrebs im Speziellen (6). Im Gegenteil zeigte sich für 4 Krebsarten ein möglicher schützender Effekt.
Auch die Datenlage zum Zusammenhang zwischen moderatem Alkoholkonsum und kardiovaskulären Erkrankungen ist uneinheitlich. Den Studien, die einen kleinen schützenden Effekt zeigen, stehen Untersuchungen gegenüber, die keinen signifikanten Effekt feststellen – also auch keinen nachteiligen. Ein verlässlicher Nettoeffekt unter Berücksichtigung sowohl der Auswirkungen auf Krebs als auch auf kardiovaskuläre Erkrankungen lässt sich daher derzeit nicht eindeutig bestimmen. Aus meiner Sicht deutet die Gesamtheit der verfügbaren Evidenz jedoch eher auf einen kleinen protektiven Effekt hin.
Ihre Frage nun, ob man in diesem Zusammenhang von einem gesundheitlichen Gesamtrisiko sprechen kann oder ob die Bewertung stärker anhand individueller Kriterien erfolgen sollte, kann ich nur bejahen. Auch hier sollte die sogenannte personalisierte Medizin stärker berücksichtigt werden.
Das Alter spielt dabei eine wichtige Rolle. Bei jüngeren Menschen bis etwa 40 Jahre lässt sich kaum ein protektiver Effekt erkennen, während dieser mit zunehmendem Alter offenbar stärker hervortritt. Auch zwischen den Geschlechtern können Unterschiede bestehen: Männer scheinen moderaten Alkoholkonsum tendenziell besser zu tolerieren als Frauen. Darüber hinaus dürfte das individuelle Risikoprofil eine wichtige Rolle spielen, selbst wenn dies wissenschaftlich nicht belegt ist. Es ist plausibel anzunehmen, dass zum Beispiel die gesundheitlichen Auswirkungen bei einer schlanken, körperlich fitten und trainierten Person anders ausfallen als bei einer übergewichtigen und körperlich wenig aktiven Person.
Eine pauschale Bewertung des gesundheitlichen Risikos von moderatem Alkoholkonsum greift daher zu kurz. Vielmehr sollten eine individuelle Beratung durch eine/n kompetente/n Ärztin/Arzt erfolgen, der/die Alter, Geschlecht, körperliche Verfassung, bestehende Risikofaktoren und das individuelle Gesundheitsprofil in die Beurteilung einbezieht.
In der öffentlichen Diskussion wird häufig allein auf den enthaltenen Alkohol beziehungsweise das Ethanol abgestellt. Welche Rolle spielen daneben das Konsummuster, die konsumierte Menge, die Häufigkeit, das Trinken zu den Mahlzeiten, der gesamte Lebensstil und der soziale Status?
Auch wenn entsprechende Studien weitgehend fehlen, können theoretisch eine Vielzahl anderer Faktoren (Confounding) neben dem reinen Alkoholkonsum eine Rolle spielen.
Das Trinkverhalten kann einen Einfluss haben. Wir wissen, dass die mediterrane Ernährung und deren Trinkgewohnheiten insgesamt eine gesundheitsfördernde Wirkung haben. Andererseits wirkt sich sogenanntes Rauschtrinken, also der Konsum größerer Mengen Alkohol innerhalb kurzer Zeit, negativ auf die Gesundheit aus, selbst wenn die gesamte wöchentliche Alkoholmenge nicht höher ist als die eines maßvollen Trinkers. Ebenso ist denkbar, dass ein alkoholhaltiges Getränk zum Essen im Kreis der Familie oder von Freunden durch die sozialen Kontakte stressmindernd und dadurch gesundheitsfördernd wirken kann. Es bestehen aber auch Hinweise darauf, dass mäßiger Alkoholkonsum den Stress direkt reduzieren kann.
Sport und regelmäßige körperliche Aktivität fördern die Gesundheit, indem sie das Herz-Kreislauf-System stärken, die Muskulatur und Knochen stabilisieren und die körperliche Leistungsfähigkeit verbessern. Zudem können sie Stress reduzieren, das psychische Wohlbefinden fördern und das Risiko für verschiedene chronische Erkrankungen senken.
Auch der soziale Status kann die Gesundheit beeinflussen. Menschen mit höherem Einkommen, besserer Bildung und besseren Arbeitsbedingungen haben häufig bessere Möglichkeiten, gesund zu leben. Menschen mit niedrigerem sozialen Status sind dagegen häufiger Stress, ungünstigeren Lebensbedingungen und zusätzlichen gesundheitlichen Risiken ausgesetzt.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass neben dem Alkoholkonsum zahlreiche weitere Faktoren einen positiven oder negativen Einfluss auf die Gesundheit haben. Inwieweit diese Faktoren die beobachteten Zusammenhänge tatsächlich erklären oder beeinflussen, lässt sich jedoch aufgrund der bislang begrenzten Studienlage nicht eindeutig beurteilen.
Welche praktische Empfehlung würden Sie einem gesunden erwachsenen Menschen geben, der gelegentlich ein Gläschen genießen möchte? Wo verläuft aus Ihrer Sicht die Grenze zwischen maßvollem und gesundheitlich problematischem Konsum – und für welche Menschen sollte der Verzicht gelten?
Die wissenschaftliche Evidenz zur Frage, ob ein geringer Alkoholkonsum insgesamt einen kleinen positiven, neutralen oder negativen Einfluss auf die Gesundheit hat, ist weiterhin unklar. Aus meiner Sicht und auf Grundlage der mir bekannten Literatur gibt es jedoch gute Hinweise darauf, dass ein geringer und kontrollierter Alkoholkonsum bei bestimmten Personengruppen mit einer kleinen protektiven Gesamtwirkung verbunden ist.
Eine pauschale Empfehlung halte ich für problematisch. Aus meiner Sicht lassen sich jedoch folgende, differenzierte Aussagen ableiten:
- Schwangere, Personen mit einer Alkoholabhängigkeit oder entsprechender Vorgeschichte sowie Personen beim Autofahren oder bei Tätigkeiten mit besonderen beruflichen Anforderungen sollten vollständig auf Alkohol verzichten.
- Personen, die keinen Alkohol trinken, sollten nicht aus gesundheitlichen Gründen mit dem Alkoholkonsum beginnen.
- Erwachsene unter 40 Jahren sollten Alkohol nur gelegentlich konsumieren, da sich in dieser Altersgruppe mögliche gesundheitliche Nachteile eines regelmäßigen Konsums auf das spätere Leben auswirken können.
- Gesunde Personen über 40 Jahren, die Alkohol konsumieren, können sich derzeit – unter Berücksichtigung ihrer individuellen Risikofaktoren – an den bisher etablierten Grenzwerten orientieren: Frauen etwa 1 Standardgetränk pro Tag, Männer etwa 2 Standardgetränke pro Tag. Dies ist jedoch nicht als Empfehlung zu verstehen, Alkohol aus gesundheitlichen Gründen zu konsumieren.
- Gesunde Personen über 65 Jahren, die insgesamt einen gesunden Lebensstil pflegen und keine relevanten individuellen Risikofaktoren aufweisen, können einen gelegentliches Überschreiten dieser Mengen tolerieren. Auch hier sollte jedoch ein Konsum von mehr als 4 Standardgetränken bei einer Gelegenheit vermieden werden.
- Für alle anderen Personen sollte die individuelle Situation berücksichtigt werden. Insbesondere bestehende Erkrankungen, die Einnahme von Medikamenten, frühere oder bestehende Alkoholprobleme sowie individuelle kardiovaskuläre und onkologische Risikofaktoren können die Nutzen-Risiko-Abwägung verändern. In diesen Fällen ist eine individuelle Beratung durch eine kompetente Ärztin oder einen kompetenten Arzt – vorzugsweise durch die Hausärztin bzw. den Hausarzt, die oder der die persönliche Krankengeschichte und Risikofaktoren kennt – sinnvoll.
Schliesslich stellt sich die Frage nach den Grenzen eines verantwortbaren Alkoholkonsums. Neben den oben genannten allgemeinen Grenzen sollte der eigene Konsum kritisch hinterfragt werden, wenn Alkohol regelmässig dazu dient, Stress, Probleme oder belastende Gefühle zu bewältigen. Auch wenn es schwerfällt, auf Alkohol zu verzichten oder die konsumierte Menge zu kontrollieren, kann dies auf einen problematischen Umgang mit Alkohol hinweisen.
Noch eine persönliche Frage: Herr Prof. Osterwalder, was ist für Sie persönlich der größte Genuss?
Zum besseren Verständnis muss ich kurz auf einen wichtigen Teil meiner persönlichen Geschichte zurückkommen. Zu Beginn meiner medizinischen Laufbahn hatte ich die Gelegenheit, mehrere Missionen mit dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz in Kriegsgebieten zu leisten. Diese Einsätze haben mich nachhaltig geprägt. Ich habe dort erlebt, wie wenig selbstverständlich viele Dinge sind, die wir in unserem Alltag kaum bewusst wahrnehmen – Sicherheit, Ruhe, ein eigenes Bett oder auch einfach die Möglichkeit, den Tag ohne Angst zu beginnen.
Vielleicht genieße ich deshalb heute jeden Morgen ganz bewusst. Es bedeutet mir unglaublich viel, in einem sicheren Umfeld aufzuwachen und den neuen Tag mit einem guten Kaffee beginnen zu können. Wenn es die Zeit erlaubt, gehört für mich auch ein warmes Gipfeli dazu. Und am Abend ist ein gutes Glas Wein zu einem gepflegten Essen ein Hochgenuss. Es sind eigentlich ganz einfache Dinge, aber gerade durch meine früheren Erfahrungen sind sie für mich zu einem kleinen täglichen Luxus und zu einem Ausdruck von Lebensfreude geworden.
(Foto: Osterwalder)
Literaturauswahl von Prof. em. Dr. Osterwalder
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2. Piano MR, Marcus GM, Aycock DM, Buckman J, Hwang CL, Larsson SC,Mukamal KJ, Roerecke M; on behalf the American Heart AssociationCouncil on Lifestyle and Cardiometabolic Health; Council on Cardiovascular and Stroke Nursing; Council on Clinical Cardiology; and Stroke Council.Alcohol Use and Cardiovascular Disease: A Scientific Statement from the American Heart Association. Circulation 2025 Jul 8;152(1):e7-e21. doi:10.1161/CIR.0000000000001341. Epub 2025 Jun 9.
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4. Rumgay H, Shield K, Charvat H, Ferrari P, Sornpaisarn B, Obot I et al. Global burden of cancer in 2020 attributable to alcohol consumption: a population-based study. Lancet Oncol 2021 Aug;22(8):1071-1080. doi: 10.1016/S1470-2045(21)00279-5
5. Unstatistik des Monats: 0,5% erhöhtes Gesundheits-Risiko bei einem Drink pro Tag 30.8.2018 https://www.mpib-berlin.mpg.de/unstatistik-auswirkungen-von-alkohol
6. Li M, Zhang X, Chen K, Miao Y, Xu Y, Sun Y, Jiang M ET AL. Alcohol Exposure and Disease Associations: A Mendelian Randomization and Meta-Analysis on Weekly Consumption and Problematic Drinking. Nutrients. 2024 May 17;16(10):1517. doi: 10.3390/nu16101517.PMID: 3879475